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  • Internationaler Tag des Fistens – fünf Finger, fünfter Mai

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    Bruno
    Zuletzt aktualisiert: 04.05.2026
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    9 Min

    Der Berliner Verein Fist Club Europe e.V. hat den 5.5. zum Internationalen Tag des Fisting erklärt — und damit eine schon bestehende US-Tradition radikal neu gedacht. Ein Gespräch mit Vereinssprecher Balian Richter über Zahlenmagie, das Erbe der Catacombs, die Schwächen einer 14 Jahre alten Branchenkampagne und die Frage, warum 2026 immer noch ein eigener Feiertag nötig ist.


    Berlin, Schöneberg, später Nachmittag. Ein unauffälliges Bürohaus in der Ella-Barowsky-Straße, einer der Treffpunkte des Vereins. Auf dem Tisch: zwei Espressi, ein zerlesenes Exemplar von Mapplethorpes „Black Book“, ein Stapel Faltblätter zur Hepatitis-Prävention. Balian Richter, Mitte 40, Sprecher des Fist Club Europe e.V., trägt T‑Shirt, Jeans, abgetragene Stiefel — keine Uniform, keine Pose. Wir reden über einen Tag, den die meisten Kalender noch nicht kennen.


    Balian, der 5. Mai ist seit 2025 offiziell der Internationale Tag des Fisting – auf Initiative eures Vereins. Warum braucht die Welt einen weiteren Feiertag, und ausgerechnet diesen?

    Weil es genau diesen noch nicht gab. Es gibt seit 2011 einen Tag, der sich International Fisting Day nennt, der 21. Oktober – den haben zwei Performer aus der US-amerikanischen Indie-Pornoindustrie ins Leben gerufen, Jiz Lee und Courtney Trouble. Das war damals wichtig, das war eine Antwort auf die Cambria List und die absurde Selbstzensur der amerikanischen Pornobranche. Aber wenn man ehrlich ist: Das war ein Branchen-Anliegen, gekoppelt an einen DVD-Release. Es war nie ein Tag, der die gelebte Praxis in unserer Community gemeint hat. Es war nie ein Tag, an dem ein schwuler Lederkerl in München, ein Sneakerhead in Köln oder ein Pup in Berlin sich gedacht hat: Das ist mein Tag. Genau diese Lücke schließen wir.

    Du klingst ein bisschen kritisch gegenüber dem Original. Warum?

    Kritisch wäre zu hart. Anerkennend, aber nüchtern. Lee und Trouble haben Großes geleistet – keine Frage. Aber schau dir die Umstände an: Der erste Fisting Day fiel 2011 zusammen mit dem Release von „Live Sex Show“, einer DVD von TROUBLEfilms. Das ist absolut legitim, jede Bewegung braucht ihren Anlass – aber es macht den Tag eben zu dem, was er ist: eine US-Porno-Promoaktion, die mit der Lebensrealität der schwulen Szenen in Berlin, Madrid, Wien oder Zürich relativ wenig zu tun hat. Das Datum, der 21. Oktober, ist beliebig. Es gibt keine symbolische Aufladung, keinen kulturellen Anker. Es ist halt der Tag, an dem die DVD rauskam. Das darf man so sagen.

    Und der 5. Mai macht es besser?

    Der 5. Mai macht es anders. 5/5 – fünf Finger, fünf Finger. Das versteht jeder, der mal eine Hand gesehen hat. Diese Symbolik trägt den Tag, sie braucht keine Fußnote. Hinzu kommt: Der 5. Mai liegt am Anfang der Saison. Open-Air, Festivals, Folsom Europe, Easter Berlin ist gerade vorbei, die Sommerpartys werden geplant – der Tag setzt einen Auftakt, kein Schlusswort. Im Oktober dagegen rutschst du in die dunkle Jahreszeit, da fährt die Szene gerade runter.

    2026 ist jetzt schon der zweite 5. Mai unter eurer Flagge. Wie war die Resonanz beim Auftakt 2025?

    Ehrlich gesagt besser, als wir uns das selbst zugetraut hätten. Wir sind 2025 mit relativ leisen Erwartungen gestartet – ein neuer Verein, ein neues Datum, eine Praxis, über die viele lieber nicht öffentlich sprechen. Und dann kamen die Rückmeldungen aus der Community, aus den Partnerclubs, aus den Saunen und Eventlocations: Endlich. Endlich gibt es einen Anlass, an dem wir das nicht verstecken müssen. Wir hatten Aktionen in mehreren Städten, internationale Presse, sogar Folsom Europe hat den Tag mitgetragen. Diese Resonanz war für uns die Bestätigung, dass es richtig war, den Schritt zu gehen – und dass wir 2026 lauter, größer und selbstbewusster werden. Genau das machen wir jetzt.

    Trotzdem: Zwei konkurrierende Tage für dieselbe Sache — ist das nicht problematisch?

    Wir sehen das nicht als Konkurrenz. Der 21. Oktober soll bleiben, was er ist – ein Datum mit eigener Geschichte und eigenem Kontext, vor allem in den USA und im Pornozusammenhang. Der 5. Mai ist die europäische, community-getragene Antwort. Es gibt auch zwei Welt-AIDS-Tage in einem Jahr, wenn man so will: Den 1. Dezember und den 19. Mai für die Verstorbenen. Niemand würde sagen, das eine schwächt das andere. Im Gegenteil: Es zeigt, dass das Thema groß genug ist, um mehrere Anlässe zu tragen.

    Kommen wir zur naheliegendsten Frage, die viele Leser sich stellen werden: Braucht es wirklich einen Tag für eine sexuelle Praxis? Wirkt das nicht ein bisschen überkandidelt?

    Diese Frage ist legitim, aber sie geht am Punkt vorbei. Wir feiern nicht eine sexuelle Praxis, als würden wir ein Brauchtum konservieren. Wir feiern Sichtbarkeit – und wir leisten Aufklärung. Es gibt einen internationalen Tag der Selbstuntersuchung der Hoden, einen Welttag der Toilette, einen Welttag des Schlafs. Niemand hat damit ein Problem. Aber sobald es um eine Praxis geht, die in unserer Community zu Hause ist, kommt sofort der Reflex: „Muss das sein?“ Ja, das muss sein. Genau weil dieser Reflex existiert, muss es das geben.

    Was passiert konkret an diesem Tag? Wird gefistet, oder wird geredet?

    Beides, hoffentlich. (lacht) Im Ernst: Der 5. Mai ist der Anlass, an dem unsere Partner-Clubs in ganz Europa Aktionen machen. Workshops in Berlin und Wien, eine Diskussionsrunde in Hamburg, Safer-Sex-Stände bei Partys in Madrid und Mailand, Awareness-Aktionen in den großen Saunen. Manche Locations machen klassische Spielabende mit Doku-Charakter – andere setzen auf Bildung, auf Vorträge zu Hygiene, zu Hepatitis‑A‑Impfung, zu Materialien. Die ganze Bandbreite (zugegeben, momentan in noch recht kleinem Rahmen, ich denke aber, dass diese Aktionen mit jedem Jahr zahlreicher werden dürften). Wir geben den Rahmen vor, die Community füllt ihn. So wie es Pride im Großen macht.

    Du sagst „die Community“ – wer ist damit gemeint? Auf eurer Vereinsseite steht, dass ihr euch „insbesondere, aber nicht ausschließlich“ an schwule, bisexuelle und andere Männer richtet, die Sex mit Männern haben. Warum diese Schwerpunktsetzung?

    Weil es ehrlich ist. Fisting hat seine moderne kulturelle Heimat in der schwulen Lederszene – das fing in den späten 1960ern und den 70ern in San Francisco an, in Clubs wie dem legendären „Catacombs“. Dort wurde diese Praxis nicht erfunden, aber sie wurde dort als Ritual etabliert, mit Konsens, Sicherheitskultur, gegenseitiger Sorge. Das war nicht zufällig die schwule Szene. Das war eine bewusste Selbstermächtigung in einer Zeit, in der unsere Sexualität pathologisiert und kriminalisiert wurde. Diese Linie führt direkt in die Gegenwart und wir nehmen sie ernst. Gleichzeitig: Die Tür ist offen. Aber wir tun nicht so, als wäre Fisting eine geschlechts- und identitätsneutrale Aktivität, die keine Geschichte hätte. Sie hat eine, und sie ist schwul.

    Trotzdem ist die schwule Szene nicht monolithisch. Worin unterscheidet sich der Berliner Lederkerl vom Sneakerhead aus dem Ruhrpott, vom Pup aus Wien, vom Bär aus Zürich?

    In sehr vielem — und in nichts Wesentlichem. Jede Tribe hat ihre eigene Codes, ihre eigene Kleiderordnung, ihre eigenen Räume. Ein Lederkerl arbeitet vielleicht mit klassischen Hierarchien, ein Pup mit Spiel und Rollen, ein Sneakerhead mit Marker, ein Bär mit Körperkultur. Aber wenn es um Fisting geht, sind das alles Menschen, die dieselben Fragen haben: Wie mache ich das sicher? Wo finde ich Gleichgesinnte? Wer kann mir Erfahrung weitergeben, ohne mich auszunutzen oder mir Halbwissen zu verkaufen? Genau dafür sind wir da. Unser Verein ist tribe-übergreifend — das ist uns wichtig. Niemand soll sich das Trikot wechseln müssen, um bei uns einen Workshop zu besuchen.

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    Sehr direkt gefragt: Ist Fisting nicht einfach gefährlich?

    Fisting ist anspruchsvoll. Das ist etwas anderes. Jede Praxis, die nicht oberflächlich bleibt, hat ihre Lernkurve. Wer ohne Aufklärung an die Sache herangeht, kann sich oder andere verletzen — emotional wie körperlich. Wer Wissen hat, hat ein deutlich geringeres Risiko, als die meisten Leute glauben. Das Problem ist nicht die Praxis. Das Problem ist das Schweigen drumherum. Wo nicht aufgeklärt wird, passieren die Unfälle. Wo es Workshops, Gespräche, gute Lubes, gute Handschuhe und ehrlichen Erfahrungsaustausch gibt, passiert sehr wenig. Genau deshalb gibt es uns. Genau deshalb gibt es den 5. Mai.

    Ein Vorwurf, den man eurem Tag machen könnte: Romantisierung. Du beschreibst Fisting als Hingabe, Vertrauen, Intimität — Kritiker würden sagen, das überzeichne eine Sache, die für viele schlicht heiß und schmutzig ist. Was sagst du denen?

    Dass beides wahr ist. Es ist heiß, es ist schmutzig im besten Sinne, und es ist gleichzeitig eine der intimsten Sachen, die zwei Menschen miteinander teilen können. Diese Pole schließen sich nicht aus, sie bedingen einander. Wer Fisting nur als Performance betreibt, wird auf Dauer enttäuscht — der Körper macht das nicht mit. Wer es nur als spirituelle Erfahrung verklärt, wird auch enttäuscht — die Lust will ihren Anteil. Wir reden über beide Seiten, nicht nur über die eine. Und wir überlassen es jedem selbst, wo er sich auf dieser Skala verortet.

    Wie politisch ist der 5. Mai?

    Politisch genug, um nicht harmlos zu wirken — aber nicht so politisch, dass er moralisch wird. Sichtbarkeit ist heute, 2026, immer noch ein politischer Akt, und zwar mehr, nicht weniger als vor zehn Jahren. Wir sehen weltweit eine Verhärtung gegenüber queerer Lebensrealität. In den USA werden Bibliotheksbestände gesäubert, in Osteuropa werden Pride-Paraden verboten oder eingeschränkt, auch innerhalb Europas verschiebt sich der Diskurs. In so einer Zeit zu sagen: Diese Praxis existiert, sie ist legitim, sie verdient Aufklärung statt Verdrängung — das ist eine politische Positionierung. Aber wir tragen keine Parolen vor uns her. Unsere Politik ist Aufklärung, Infrastruktur, Workshops. Bürokratisch fast. Manchmal ist das die wirksamste Form von Politik.

    Ihr habt den Verein 2025 als e.V. gegründet, mit Sitz in Berlin. War das eine bewusste Entscheidung — Berlin als Standort?

    Vollkommen. Berlin hat eine Szene-Dichte und eine Szene-Toleranz, die in dieser Form in Europa einmalig ist. Hier gibt es die Räume, die Locations, die Partner — Folsom Europe, die großen Spielclubs, die Beratungsstellen, die etablierten Verbände im Bereich queerer Gesundheit. Wir docken an ein Ökosystem an, das schon da ist. Aber wir sind kein Berlin-Verein. Wir sind ein europäischer Verein mit Berliner Adresse. Unsere Mitglieder kommen aus der ganzen DACH-Region und darüber hinaus, unsere Newsletter laufen in sechs Sprachen, unsere Partnerclubs sitzen in Wien, Mailand, Madrid, Brüssel, Amsterdam.

    Wo wollt ihr 2030 stehen?

    Mit der Fisting School, an der wir gerade arbeiten, wirklich live — als anerkanntes Bildungsangebot, das Workshops in mehreren Städten gleichzeitig anbietet, mit zertifizierten Workshop-Leitern. Mit einem dichten Netz an angeschlossenen Clubs in jedem größeren europäischen Ballungsraum. Mit Aufklärungsmaterial, das in jedem Checkpoint, jeder Aidshilfe, jedem schwulen Gesundheitszentrum greifbar liegt. Und mit einem 5. Mai, an dem in Berlin, Wien, Zürich, Köln, Hamburg, Madrid und Mailand Aktionen stattfinden, ohne dass wir noch jemanden überzeugen müssen, dass das eine gute Idee ist.

    Letzte Frage. Was sagst du einem Leser, der das hier liest, neugierig ist, aber sich nicht traut, in einen Workshop zu kommen?

    Dass er nicht der Erste ist und nicht der Letzte sein wird. Niemand kommt souverän in unsere Räume. Auch der erfahrenste Top war mal Anfänger, auch der entspannteste Bottom hatte mal Lampenfieber. Was wir bieten, ist genau dieser Übergang — vom „Ich frag mich, ob das was für mich wäre“ zum „Ich weiß jetzt, was ich tue, und ich weiß, mit wem“. Komm rein, hör zu, geh wieder. Du musst nichts. Aber du darfst alles wissen.


    Mehr Informationen: www.fist.club und www.fistingday.org. Aktionen, Partnerclubs und der Eventkalender zum 5. Mai sind dort gelistet. Der Verein freut sich über Mitgliedschaften, Spenden und Kontakt von Locations, die sich beteiligen wollen.

    Interview geführt von Sven Poschke. Redigierte Fassung. Erstveröffentlichung freigegeben für Fachmedien der schwulen Szene und der queeren Gesundheitsaufklärung im DACH-Raum.

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