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Homophobie Erfahrungsbericht: Es gibt viele persönliche Erfahrungsberichte über Ablehnung, Angst und den oft elend langen Weg zur Selbstakzeptanz. Hier ist einer davon.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal das Wort „Schwuchtel“ gehört habe. Ich war elf, in der Schule, und es war nicht an mich gerichtet, wie ich heute weiß, noch nicht. Aber ich wusste sofort: Dieses Wort tut weh, weil es so voller Verachtung war und ausdrückte: „Du bist nicht wie wir und das ist falsch.“ Zu der Zeit wusste ich noch nicht, dass ich schwul bin. Aber irgendetwas in mir wusste schon, dass es gefährlich werden könnte, wenn ich es wäre.
Heute, 15 Jahre später, weiß ich, dass dieses frühe Gefühl den Namen Homophobie trägt. Und sie war (und ist immer noch) überall. Sie schwang in der Sprache meiner Mitschüler mit. Sie zeigte sich in der Nervosität meiner Lehrer, wenn sie über „das Thema“ sprachen. Ich konnte sie in den Fragen meiner Verwandten spüren, wenn sie mich mal wieder fragten: „Na, hast du schon eine Freundin?“ Und sie war auch in mir selbst vorhanden.
Wie ich Homophobie selbst erfahren habe
In meiner Jugend habe ich ständig versucht, mich anzupassen, habe versucht, nicht aufzufallen. Ich achtete darauf, nicht zu feminin zu sprechen und mich nicht für die „falschen” Dinge zu interessieren. Wenn sich die Jungs über Mädchen unterhielten, habe ich mitgeredet und natürlich gelogen. Ich habe Fußball gespielt, obwohl ich lieber gezeichnet hätte. Wann immer es notwendig erschien, habe mich aus Angst, entdeckt zu werden, selbst zensiert.
Als ich mit 19 mein Coming-out hatte, hat es sich nicht angefühlt, wie der ultimative Befreiungsschlag, es war eher ein vorsichtiger Schritt ins Ungewisse. Ich habe es meinem besten Freund gesagt. Sein scheinbar entspannter Kommentar: „Passt schon. Ist mir egal.“ Zur Begrüßung umarmt hat er mich danach aber nie wieder. Ich hab mich lange gefragt, warum das so war. Heute weiß ich, dass ich in seinen Augen nicht mehr derselbe war. Eine echte Enttäuschung für mich war damals die Tatsache, dass die Homophobie auch nach meinem Coming-out nicht einfach verschwunden war. Kein Wunder, hatte sie sich doch in meinem Denken festgesetzt. Sie zeigte sich als Zweifel, als Scham und als das Gefühl, „anders“ zu sein, das ich glaubte, verstecken zu müssen.
Was steckt hinter Homophobie?
Inzwischen habe ich mich viel mit dem Thema beschäftigt, weil ich verstehen wollte, warum Menschen wie ich so oft mit Ablehnung konfrontiert sind. Ich habe gelernt, dass Homophobie nicht einfach „Hass“ ist. Sie ist viel subtiler. Sie steckt in der Erziehung, in der Religion und in alten, längst überholten Moralvorstellungen. Homophobie ist tief in der Geschichte verwurzelt, auch in der unseres Landes. Wusstest du, dass Homosexualität in Deutschland bis 1994 strafbar war? Der berüchtigte § 175 hat Generationen von schwulen Männern kriminalisiert. Im Nationalsozialismus wurden Tausende verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt, einfach, weil sie als Männer Männer liebten.
Eine solche Gewaltgeschichte hinterlässt Spuren, in Familien, in Schulen, in Kirchen und in Behörden. Und selbst wenn heute niemand mehr offen sagt „Schwule gehören weggesperrt“, bleibt doch dieses unsichtbare Netz aus Vorurteilen, Abwehr, Verlegenheit und manchmal offener Feindseligkeit.
Warum Homophobie so tief wirkt
Homophobie wirkt auf vielen Ebenen. Sie ist ideologisch, wenn sie das Bild, von „Mann und Frau“ als das einzig „Natürliche“ postuliert. Sie ist institutionell, wenn queere Jugendliche in der Schule keine sicheren Räume haben. Sie ist interpersonell, wenn homosexuelle Menschen Blicke, Kommentare oder Witzen auf Familienfeiern ausgesetzt sind.
Leider ist sie auch internalisiert. Das ist die schlimmste Ebene, weil sie in dir selbst passiert. Davon kann ich ein Lied singen, weil ich mich selbst eine Zeit lang selbst verachtet habe. Ich habe in dieser Zeit gedacht, ich müsse „besonders gut“ sein, um meine Sexualität zu kompensieren. Ich hab mich bemüht, erfolgreich, beliebt, muskulös und männlich zu sein. Alles mit dem einzigen Ziel, bloß nicht aufzufallen.
Ich habe natürlich Männer gedatet. Paradoxerweise habe ich mich gleichzeitig geschämt. Ich habe reflexhaft meine Hände zurückgezogen, wenn ich mit meinem Freund durch die Stadt gegangen bin. Beim Arzt habe ich mich nicht getraut, offen über meine Sexualität zu reden. Der Witz an der Sache war, dass ich mich eigentlich immer für einen selbstbewussten Menschen gehalten habe.
Sprache als Spiegel von Homophobie
Auch heute noch verwenden Leute in meiner Umgebung Wörter wie „schwul“ als Schimpfwort. Spreche ich sie darauf an, sagen sie immer, sie meinen das ja „nicht so“. Aber es trifft mich jedes Mal auf’s Neue, denn Sprache formt nun mal die Realität. Als ich neulich in der Bahn saß, hörte ich zwei Jugendliche lachen: „Ey, zieh dir mal den Typen rein, voll die Schwuchtel.“ Ich habe leider nichts gesagt, nur still dagestanden und mich wieder klein gefühlt. Man könnte die Szene als harmlos abtun, aber sie ist Alltag. Und dieser Alltag tut verdammt weh, weil er mich daran erinnert, dass ich mich noch immer (oder vielleicht auch wieder) ständig dafür rechtfertigen muss, dass ich einfach so bin, wie ich bin.
Die psychischen Folgen von Homophobie – aus erster Hand
In meinem Leben gab es Phasen, in denen ich kaum aus dem Bett gekommen bin und in denen ich dachte, dass ich niemanden verliere, wenn ich niemanden enttäusche. Ich war emotional leer vom Verstellen, vom Erklären und vom Doppelleben. Damit bin ich kein Einzelfall. Studien zeigen, dass queere Menschen ein deutlich höheres Risiko für Depression, Angststörungen und Suizidgedanken haben. Nicht, weil wir „krank“ sind, sondern weil wir oft in einem Umfeld leben, das uns krank macht. Heute habe ich zum Glück Menschen um mich, die mich so lieben, wie ich bin. Bis dahin war es allerdings ein langer Weg. Leider sind noch zu viele queere Menschen allein mit ihren Gefühlen.
Was sich verändern muss – und wie du helfen kannst
Homophobie lässt sich nicht allein durch Gesetze abschaffen. Was es wirklich braucht, ist ein Kulturwandel. Und der beginnt im Alltag. Wenn du cis und hetero bist, frag dich, wie du mit dem Thema um umgehst, was du sagst (oder auch nicht), wenn jemand einen homophoben Spruch macht. Frag dich, was du sagen würdest, wenn sich dein Kind oder ein Freund outet. Bist du ein sicherer Ort, ein stiller Beobachter oder ein Förderer von Homophobie?
Ich wünsche mir mehr Menschen, die zuhören, die nicht zu schnell urteilen und die Fragen stellen statt Aussagen treffen. Es braucht Menschen, die Haltung zeigen und die das Thema nicht nur dann wichtig finden, wenn Pride Month ist.
Homophobie verlernen – für eine offenere Gesellschaft
Ich habe gelernt, dass ich mich nicht mehr verstecken muss, dass ich niemandem gefallen muss und dass meine Art zu lieben genauso richtig ist wie jede andere. Aber ich bin auch Realist und weiß, dass es noch dauern wird, bis queere Menschen wirklich gleichgestellt sind, nicht nur vor dem Gesetz, sondern im Herzen der Gesellschaft. Was mir Hoffnung macht, ist jedes Gespräch, jede Begegnung und jeder Mensch, der sich öffnet.
Wir müssen uns klar machen, dass Homophobie nicht naturgegeben ist. Sie ist von uns Menschen gemacht. Genau darin liegt bei all ihrer Negativität ihr größter Vorteil, denn was gemacht ist, kann auch wieder verlernt werden.
