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Homophobie, ein Wort, das hart, sperrig und abwertend klingt. Und trotzdem steckt hinter dieser Abwehrreaktion gegen gleichgeschlechtliche Liebe mehr als nur Hass oder Ablehnung. Es geht um Angst, um die Angst vor dem „Anderen“, dem „Fremden“, dem „Nicht-Normalen“. Aber was genau steckt eigentlich hinter dieser Angst? Woher kommt sie und warum ist sie auch heute, trotz Ehe für alle, Regenbogenflaggen und Diversitätsdebatten, immer noch so präsent in vielen Köpfen?
Wie Homophobie historisch entstanden ist
Um diese Fragen zu verstehen, müssen wir ziemlich weit zurückgehen. Die Wurzeln der Homophobie reichen tief in die Menschheitsgeschichte. Schon in der Antike wurde Homosexualität unterschiedlich bewertet. Mal wurde sie toleriert, mal geächtet. Vor allem im christlich geprägten Abendland entwickelte sich eine Kultur der Verdrängung und Verurteilung. Gleichgeschlechtliche Liebe wurde zur „Sünde von Sodom“ stilisiert und man verband sie mit Schuld, Scham und Strafe. Diese moralische Verurteilung wurde später durch das Strafrecht zementiert. In Deutschland trat 1871 mit dem Reichsstrafgesetzbuch der berüchtigte § 175 in Kraft, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte.
Was folgte, war über ein Jahrhundert der institutionellen Verfolgung. Männer wurden überwacht, verhaftet und öffentlich diffamiert. Im Nationalsozialismus dann verschärfte sich die Repression drastisch. Zehntausende homosexuelle Männer wurden deportiert, viele starben in Konzentrationslagern. Und selbst nach dem Krieg blieb der Paragraph bestehen, mit all seinen Folgen für die betroffenen Menschen. Erst 1994 wurde er vollständig gestrichen. Die Spuren der gesetzlichen Ausgrenzung reichen also tief und wirken leider bis heute nach, in unserer Sprache, in unseren Köpfen, in unserer Kultur.
Homophobie heute: Mehr als nur Vorurteil
Aber Homophobie ist nicht nur ein historisches Phänomen. Sie wirkt auf mehreren Ebenen, und das macht sie so tückisch. Sie ist ideologisch, also kulturell tief verankert, oft religiös oder moralisch überhöht. Sie ist institutionell, wenn etwa queere Menschen in Behörden, Schulen oder beim Arzt benachteiligt werden. Sie ist interpersonell, wenn du auf der Straße angepöbelt wirst, beim Bewerbungsgespräch benachteiligt wirst oder dir die Wohnung plötzlich „doch nicht“ vermietet wird.
Und sie ist internalisiert, wenn du selbst anfängst, an dir zu zweifeln. Wenn du deine eigene Identität in Frage stellst, wenn du beginnst, dich anzupassen. Du machst dich kleiner, verhältst dich leiser und „unauffälliger“, um nicht aufzufallen, nicht anzuecken und nicht verletzt zu werden. Diese Form der Homophobie ist besonders perfide, weil sie nicht von außen kommt, sondern sich von innen in dein ganzes Wesen hineinfrisst.
Psychologische Ursachen von Homophobie
Wenn man mal genauer hinschaut, erkennt man, dass Homophobie oft weniger mit echtem Hass als mit Unsicherheit zu tun hat. Psychologisch gesehen ist sie eine Abwehrreaktion. Menschen, die sich selbst nicht mit ihrer eigenen Identität, mit ihren eigenen Gefühlen oder Unsicherheiten auseinandersetzen wollen, projizieren diese Angst auf andere. Der „Schwule“ wird zum Symbol für das „Abweichende“, das Unerklärliche, das Bedrohliche, obwohl (oder gerade weil) es eigentlich gar keine reale Bedrohung gibt. Besonders Männer, die in patriarchalen Strukturen aufgewachsen sind, erleben Homosexualität häufig als Infragestellung ihres eigenen Männlichkeitsbildes. Wer sich selbst nicht sicher ist, versucht oft, das „Andere“ kleinzumachen, um sein eigenes Selbstbild aufrechtzuerhalten.
Sprache verstärkt Homophobie – oft unbewusst
Die Sprache spielt eine große Rolle. Begriffe wie „Schwuchtel“ oder „Tunte“ sind nicht nur Beleidigungen. Sie sind Waffe und Weltbild zugleich. Sie schaffen ein Bild vom „Anderssein“, das herabgesetzt, verspottet oder lächerlich gemacht wird. Besonders unter Jugendlichen ist das Wort „schwul“ nach wie vor ein gängiges, oft genutztes Schimpfwort, oft ohne Bewusstsein für seine Wirkung. Aber Worte verletzen und sie prägen Identität. Sie wiederholen Muster und setzen eine Spirale der Ausgrenzung in Gang, die sich oft bis ins Erwachsenenalter zieht.
Internalisierte Homophobie: Wenn du gegen dich selbst kämpfst
Wenn du als junger Mensch ständig hörst, dass deine Art zu lieben angeblich falsch, lächerlich oder „eklig“ ist, wirst du das früher oder später verinnerlichen. Viele queere Menschen entwickeln daraus ein tief sitzendes Minderwertigkeitsgefühl. Sie übernehmen die Vorurteile ihrer Umwelt und kämpfen dann oft ein Leben lang damit, sich selbst zu akzeptieren. Manche versuchen, sich durch besondere Leistungsbereitschaft oder ein „angepasstes“ Leben zu beweisen. Andere verleugnen aus Angst vor Ablehnung oder Gewalt und aus Angst, nicht dazu zu gehören, ihre gesamte Identität. Diese internalisierte Homophobie ist vielleicht die stillste, aber auch ihre zerstörerischste Form.
Gesellschaftlicher Wandel: Wird Homophobie weniger?
Trotzdem lass dir gesagt sein, dass es Hoffnung gibt. Der gesellschaftliche Wandel ist in vollem Gange. Immer mehr Menschen, egal, ob queer oder nicht, positionieren sich offen gegen Homophobie. Die Pride-Bewegung, die seit den Stonewall-Aufständen 1969 auf der ganzen Welt verbreitet ist, hat das Selbstbewusstsein und die Sichtbarkeit queerer Menschen enorm gestärkt. Auch juristisch hat sich viel getan. In Deutschland wurde 2017 die „Ehe für alle“ eingeführt. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens gibt es heute klare Antidiskriminierungsgesetze. Schulen, Unternehmen und Medien haben bisher auf Diversität gesetzt.
Aber Gesetze allein verändern noch nicht automatisch Denkweisen. Deshalb reicht das bisher Erreichte nicht. Das sieht man beispielsweise an den Bemühungen Donald Trumps, die Zeit zurückzudrehen und die Rechte queerer menschen erneut einzuschränken beziehungsweise gänzlich wieder abzuschaffen.
Wie du Homophobie im Alltag entgegentreten kannst
Was wirklich zählt, ist der alltägliche Umgang. Wichtig ist die Haltung jedes Einzelnen, also auch deine Haltung. Denn Homophobie beginnt oft im Kleinen, bei einem abwertenden Spruch, einem Lacher in der Umkleide, einer spöttischen Bemerkung über einen vermeintlich „zu weiblichen“ Mann. Genauso kann sie im Kleinen enden, wenn du widersprichst, wenn du aufklärst und wenn du fragst, statt zu urteilen. Homophobie hat dort ihre Grenzen, wo du dich traust, offen zu leben oder queere Menschen offen zu unterstützen. Es geht letztlich nicht darum, auf großer Bühne aktiv zu werden. Es geht vielmehr darum, dir des Problems bewusst zu sein, Sprache zu hinterfragen, Privilegien zu erkennen und empathisch zu handeln.
Die psychischen Folgen von Homophobie nicht unterschätzen
Besonders wichtig ist auch, dass die psychischen Folgen von Homophobie ins Bewusstsein gelangen. Studien zeigen ja, dass queere Jugendliche ein sehr viel höheres Risiko für Depressionen, Angststörungen und Suizidalität haben. Nicht, weil ihre Identität sie krank macht, sondern weil die Gesellschaft krankmachende Bedingungen schafft. Die zentrale Erkenntnis ist die, dass nicht die queeren Menschen das Problem sind, sondern die Umstände, unter denen sie leben müssen.
Homophobie verlernen – für eine offenere Gesellschaft
Wenn du selbst queer bist, kennst du vielleicht dieses Gefühl, dich ständig erklären zu müssen. Du fragst dich vielleicht: Bin ich „zu viel“, zu laut, zu weiblich, zu anders? Die Antwort auf all deine Fragen lautet NEIN! Du bist genau richtig. Nicht du musst dich ändern. Nur die Gesellschaft muss lernen, dich nicht mehr als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu sehen. Und wenn du nicht queer bist, mach dir bewusst, dass auch du Teil der Lösung bist. Je mehr Menschen ihre Komfortzone verlassen und sich gegen Ausgrenzung stellen, desto schneller wird sich etwas verändern.
Homophobie ist kein Naturgesetz. Sie ist gelernt und deshalb auch verlernbar. Sie ist kein Schicksal, sie ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das wir gemeinsam hinterfragen und abbauen können. Dafür braucht es Mut, Sensibilität und Offenheit. Und es braucht dich, denn nur wenn wir verstehen, woher die Angst vor dem Anderssein kommt, können wir ihr die Macht nehmen. Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, dass Anderssein kein Makel ist. Es ist kein Fehler im System, es ist ein Teil der menschlichen Vielfalt. Genau diese Vielfalt macht unsere Welt bunter, lebendiger und menschlicher. Die Angst davor in Form von Homphobie dürfen wir ruhig hinter uns lassen.