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Wenn du im BDSM die Rolle des Masters übernimmst, übernimmst du Zuständigkeit für einen anderen Menschen. Über diesen Teil schweigen die meisten Texte zum Thema. Sie beschreiben die Befugnisse eines Masters und lassen offen, wofür er geradesteht.
Hier steht deshalb die Zuständigkeit im Mittelpunkt. Dazu kommt eine Korrektur: Dieser Beitrag hat jahrelang eine Begriffsbehauptung geführt, die sich nicht halten lässt. Um welche es geht und woher sie kommt, steht im zweiten Abschnitt.
Was M/s von D/s unterscheidet, und wo die Quellen sich widersprechen
Das kleine s in M/s steht für slave. Der internationale Titelwettbewerb für diese Beziehungsform wurde 1990 gegründet und heißt „International Master/slave“. Vier unabhängige Szene-Glossare lösen die Abkürzung ebenso auf, keines nennt eine Alternative. Wer sie anders auflöst, hat dafür keine Quelle.
Der Unterschied zu D/s ist schwieriger, als die meisten Ratgeber zugeben. Die Abkürzung steht für Dominanz und Unterwerfung. Die englische Wikipedia setzt den Unterschied bei den Kernwerten an: In D/s-Strukturen stehe häufig Liebe im Zentrum, in M/s-Strukturen Dienst und Gehorsam. Dieselbe Enzyklopädie führt M/s in ihrem BDSM-Glossar aber als Unterfall von D/s. Dort heißt es wörtlich, Menschen gingen dabei „eine D/s-Dynamik mit Fokus auf Dienst und Gehorsam“ ein. Die National Coalition for Sexual Freedom wiederum listet Master/slave als eigene Form neben Total Power Exchange, 24/7 und Owner/property.
Drei Quellen, drei Einordnungen. Eine Fachpublikation zur systematischen Abgrenzung von M/s und D/s fehlt. Die Begriffe markieren damit eine Tendenz und keine Grenze. Einen Punkt formuliert dieselbe Wikipedia-Seite eindeutig: Ein slave ist eine bestimmte Art von Sub, also von submissivem Partner, aber nicht jeder Sub ist ein slave. Die Bandbreite auf der devoten Seite zeigen die Sub-Typen, und die Rolle des Sklaven hat einen eigenen Beitrag aus der Gegenperspektive.
Nicht zu verwechseln ist M/s mit Total Power Exchange, kurz TPE. Dabei handelt es sich um eine Beziehungsform und keine Rollenbezeichnung. Der Begriff beschreibt die Reichweite der Abgabe, nicht die Titel der Beteiligten.
Serf ist kein Szenebegriff
Seit 2023 stand hier eine Behauptung in zwei Teilen, und keines von zwölf geprüften Szene-Glossaren stützt sie. Erstens sei „Serf“ ein neuer Begriff aus den USA für die Rolle, die üblicherweise „Sklave“ heißt. Zweitens solle man „Sklave“ wegen der historischen Konnotation öffentlich vermeiden.
Der zweite Teil hat einen echten Hintergrund. Der erste ist falsch, und die Herkunft lässt sich genau nachvollziehen.
Zwölf Glossare, kein Treffer
Kein Szene-Glossar kennt den Begriff. Geprüft wurden zwölf: die englische Wikipedia, das BDSM Wiki, das Glossar der National Coalition for Sexual Freedom (NCSF) und das deutschsprachige Datenschlag-Lexikon führen ihn ebenso wenig wie acht weitere. Wikipedia nennt als Alternative zu Master/slave ausdrücklich Owner/property.
Die einzige Quelle ist eine deutsche Plattform, und dort ist es ein persönlicher Vorschlag. Eine 2020 in München gegründete BDSM-Dating-Seite schreibt in einem Artikel den Satz, der auch hier stand. In einem zweiten Artikel derselben Seite steht, woher er kommt: Eine Bloggerin schlägt dort „Servant“ vor und bezeichnet diesen Begriff als in US-amerikanischen BDSM-Kontexten zunehmend beliebt. Die Autorin des Artikels ergänzt daraufhin, ihr erschienen auch „Serf“ oder „Menial“ geeignet, letzteres bekannt aus Texten zur mittelalterlichen Geschichte.
Damit ist die Kette vollständig. Die Aussage über die USA bezog sich auf „Servant“. „Serf“ war der eigene Einfall einer deutschen Autorin, ausdrücklich als solcher gekennzeichnet. Auf dem Weg in weitere Blogs, auch in diesen hier, wurde daraus eine Tatsachenbehauptung über die amerikanische Szene.
Was die Szene tatsächlich vorschlägt
Die Debatte selbst ist echt. Sinclair Sexsmith, Titelträger International Master/slave 2020 und Northwest Master/slave 2019, veröffentlichte im Juli 2020 die Erklärung, die Begriffe „Master“ und „slave“ nicht mehr zu verwenden. Ein Folgebeitrag sammelt Vorschläge aus der Szene: Maîtresse, Maîtriser, Dominate, Domina, Lady, Lord, Liege, Sovereign, dazu ein Kunstwort aus der Lautung von M/s. Ein Femdom-Magazin hat seine Redaktionsrichtlinie geändert und ersetzt „slave“ durch „property“, „owned and collared“ und „Owner“.
In keiner dieser Listen steht „Serf“.
Und der historische Vergleich, mit dem der Begriff begründet wurde, trägt nicht. Ein Leibeigener war an ein Grundstück gebunden und konnte als Person nicht verkauft werden, nur zusammen mit dem Land. Ein Sklave war Eigentum einer Person. Das sind zwei verschiedene Formen von Unfreiheit, keine Synonyme. Wer „Serf“ wählt, um die historische Last zu umgehen, tauscht eine Geschichte gegen eine andere.
Wer nach einer Alternative sucht, findet mit Owner/property eine, die belegt ist. Wer bei Master/slave bleibt, folgt der Mehrheit der Quellen. Was nicht funktioniert, ist ein Begriff, den außerhalb weniger deutscher Blogs niemand benutzt.
Wer diese Rollen lebt, und was darüber bekannt ist
Die Forschungslage besteht aus zwei belastbaren Erhebungen mit 19.307 und 902 Teilnehmern. Keine davon misst M/s direkt. Beide messen BDSM insgesamt.
Für M/s gibt es keine Bevölkerungszahl. Wie viele Menschen eine Master-Slave-Beziehung führen, ist nicht erhoben. Was existiert, sind Anteile innerhalb bereits BDSM-praktizierender Stichproben, und die stammen aus Online-Befragungen mit Selbstauswahl. Eine Untersuchung mit 810 Teilnehmern von 2023 kommt auf 1,6 %, die sich als Master bezeichnen, und 5,0 % als slave oder property. Das sind Anteile in einer Szene-Stichprobe, keine Häufigkeit in der Bevölkerung.
Für BDSM allgemein gibt es genau eine repräsentative Zahl. Eine australische Telefonbefragung mit 19.307 Teilnehmern ergab, dass 1,8 % der sexuell aktiven Menschen im Vorjahr an BDSM beteiligt waren, bei Männern 2,2 %, bei Frauen 1,3 %. Für diesen Blog ist der nächste Satz der Erhebung der wichtigere: Häufiger war das bei schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen. Die Daten sind von 2001 und 2002, also über zwanzig Jahre alt, und sie messen BDSM insgesamt, nicht M/s.
Dieselbe Erhebung räumt eine verbreitete Unterstellung ab. Teilnehmer mit BDSM-Erfahrung waren nicht häufiger zu sexuellen Handlungen genötigt worden und nicht häufiger unglücklich oder ängstlich. Männer mit BDSM-Erfahrung erreichten auf einer Skala für psychische Belastung sogar signifikant niedrigere Werte als andere Männer.
Was über Dominante bekannt ist
Genau eine Studie hat die dominante Seite getrennt ausgewertet. Wismeijer und van Assen verglichen 2013 im Journal of Sexual Medicine 902 BDSM-Praktiker mit 434 Personen einer Kontrollgruppe, per Online-Fragebogen. Das Ergebnis fiel überwiegend zugunsten der BDSM-Gruppe aus: weniger neurotisch, extravertierter, offener für neue Erfahrungen, gewissenhafter, weniger empfindlich gegenüber Zurückweisung, höheres subjektives Wohlbefinden. Ein Wert fiel ungünstiger aus, und er gehört dazu: weniger verträglich.
Bei der Aufteilung nach Rollen schrieben die Autoren, dass die Werte, wo sich Unterschiede zeigten, für Menschen mit dominanter Rolle günstiger ausfielen als für Menschen mit devoter. Wer daraus ein Ranking zwischen Dominanten und Devoten liest, übersieht die entscheidende Zeile: Die ungünstigsten Werte hatte die Kontrollgruppe, also die Menschen ohne BDSM-Erfahrung. Und die Studie hat die Schwäche jeder Online-Erhebung, sie beruht auf Selbstauswahl.
Wer daraus ableiten will, dass Dominante die stabileren Menschen sind, überzieht es. Belegbar ist nur, dass die Annahme, BDSM sei ein Symptom, sich in keiner der beiden Erhebungen bestätigt hat.
Der Sklavenvertrag: was er nicht kann
Ein Szenevertrag ist kein rechtlich bindender Vertrag und wird von keinem Gericht durchgesetzt oder anerkannt. So knapp beantwortet die NCSF die Frage, ob ein solches Papier schützt. In der alten Fassung stand hier das Gegenteil: Nach Ablauf der Vertragsdauer werde der Sklave in die Freiheit entlassen, vorausgesetzt, die Vereinbarungen seien eingehalten worden. Das klingt, als binde ein Vertrag bis zum Fristende und als sei das Ende eine Belohnung für Wohlverhalten.
Dieselbe Quelle beantwortet die zweite naheliegende Frage ebenso knapp. Stellt eine langfristige Vereinbarung wie in einer Master-Slave-Beziehung eine Pauschaleinwilligung für alle BDSM-Aktivitäten dar? Nein. Eine Person kann die Einwilligung jederzeit zurückziehen, unabhängig vom M/s-Vertrag.
Hier geht es um die Grundlage, nicht um Auslegung. Eine Einwilligung, die sich nicht widerrufen lässt, ist keine Einwilligung. Die NCSF wird in ihrer Erklärung zu Machtaustausch-Beziehungen noch deutlicher. Ein Vertrag, der das Recht auf Widerruf ausschließt, kann für den Top rechtlich zum Problem werden, also für den führenden Part. Menschen können dieses Recht nämlich nicht rechtswirksam abgeben. Der Vertrag schützt den Master also nicht, er gefährdet ihn, sobald er zu viel verspricht.
Was deutsches Recht sagt, und was es nicht sagt
Zwei deutsche Normen sind hier einschlägig. § 138 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) erklärt Rechtsgeschäfte für nichtig, die gegen die guten Sitten verstoßen. § 228 Strafgesetzbuch (StGB) macht eine Körperverletzung trotz Einwilligung rechtswidrig, wenn die Tat gegen die guten Sitten verstößt. Was sich nicht findet, ist eine Entscheidung, die einen Sklavenvertrag an diesen Normen gemessen hat. Die Grundsatzentscheidung des Bundesgerichtshofs zu § 228 StGB im SM-Zusammenhang betraf einen Fall mit Todesfolge und keine Vertragsurkunde. Der Normwortlaut belegt die Norm, nicht ihre Anwendung auf einen konkreten Vertrag.
Für den angelsächsischen Raum liegt eine gründliche Untersuchung vor. Eine Abhandlung in der Harvard Law Review von 2014 stellt fest, dass sich keine Gerichtsverfahren über BDSM-Verträge finden. Das ist bemerkenswert, denn Verletzungen ohne direkten Bezug zu Sex wären klagbar, etwa eine gebrochene Pflicht, Nahrung oder Kleidung zu stellen. Wo solche Verträge in Gerichtsakten auftauchten, sei es in der Regel nicht, weil der Staat ihre Versprechen durchsetze. Er belange dann die Vertragspartner strafrechtlich oder zivilrechtlich.
Wofür das Papier dann gut ist
Die Harvard-Abhandlung nennt zwei Zwecke, die NCSF einen dritten. Erstens: Indem ein Vertrag Aushandlung und Formulierung verlange, bestehe er darauf, dass die Beteiligten sich ihrer Interessen bewusst sind und sie schützen. Zweitens: Weil solche Verträge dazu zwängen, Grenzen zu bedenken und mitzuteilen, bevor die Beziehung eingegangen wird, sei die Annahme möglich, dass die Szene das Ergebnis einer konkreten informierten Einwilligung ist. Drittens, und das ist der praktischste Zweck: In einem rechtlichen Verfahren kann ein schriftlicher Vertrag zeigen, in welcher Verfassung die Beteiligten waren und welche Handlungen und Pflichten vereinbart wurden.
Die Kritik am Vertragsgedanken
Die Kritik am Vertragsgedanken kommt aus der Harvard-Abhandlung selbst. Sexuelles Verlangen sei anders als ein vertragliches Interesse ungeordnet, beweglich und schwankend, in einem Moment kaum festzulegen und erst recht nicht in einer Verhandlung, die bewusst getrennt von der Situation stattfindet. Genau diese Vorstellung einer vorab festgelegten Einwilligung mache BDSM für viele angreifbar, die befürchten, sie mache die devote Person zum Gefangenen ihrer eigenen Worte statt ihrer Wünsche. Und Neue oder besonders Gutgläubige könnten sich auf falsche Voraussetzungen einlassen, indem sie den Anschein von Bestimmtheit für die Sache selbst nehmen.
Praktisch heißt das: Ein Vertrag hält ein Gespräch fest, er sichert nichts ab. Er ersetzt keine laufende Verständigung, und er ersetzt kein Safeword. Willst du das strukturierter angehen, findest du in den 4 Cs einen Rahmen, der Kommunikation ausdrücklich als eigenen Punkt führt.
Ein Hinweis zur Form, den die alte Fassung falsch gesetzt hatte: Ein Dokument mit sexuellen Vorlieben, Grenzen und Klarnamen gehört nicht ungeschützt in einen Cloud-Dienst. Wenn du es digital führst, verschlüssele es.
Ein Halsband oder der Ring der O wird häufig als Zeichen der Zugehörigkeit getragen. Der Ring stammt allerdings aus einem Roman und ist kein allgemeines Kennzeichen einer M/s-Beziehung. Was er bedeutet und was beim Tragen zu beachten ist, steht im Beitrag zum BDSM-Halsband.
Was die führende Rolle verantwortet
Die naheliegende Formel lautet: Die Verantwortung liegt beim Master. Die Hauptquelle zu diesem Thema widerspricht dieser Formel in derselben Passage, in der sie sie zu bestätigen scheint.
Die NCSF schreibt in ihrer Erklärung zur Einvernehmlichkeit, im BDSM-Kontext sei es der Top oder Dominante, der einer Strafverfolgung ausgesetzt sein könne. Eine verletzte devote Person werde im Strafrecht als Opfer betrachtet und nicht als Partei, die eine Straftat begeht. Aus diesem Grund fielen die rechtlichen Verantwortlichkeiten und Pflichten dem Top zu und nicht dem Bottom. Der Satz danach ist der entscheidende. Dass der Top die rechtlichen Pflichten habe, schmälere in keiner Weise die gleich wichtigen ethischen Pflichten, an denen der Bottom vollständig teilhabe.
Rechtlich also einseitig, ethisch geteilt. Trittst du als Master auf, trägst du das rechtliche Risiko allein und die Sorgfaltspflicht gemeinsam mit deinem Partner.
Für die Grenze selbst nennt dieselbe Organisation eine Unterscheidung, die brauchbarer ist als jede Regelliste. Es gibt einen Unterschied zwischen Schmerz und Schaden. Schaden verursache dauerhafte Beeinträchtigung, körperlich, seelisch oder geistig, und schränke die Fähigkeit ein, zu funktionieren und das Leben zu genießen. Zugefügter Schmerz solle den Beteiligten letztlich Erfüllung bringen.
Wie oft Grenzen verletzt werden
Dazu liegen Zahlen vor, und sie brauchen ihre Bezugsgröße. Die NCSF befragte 2014 über SurveyMonkey 4.598 Personen. Von den 4.503, die beide relevanten Fragen beantworteten, berichteten 1.307 und damit 29 %, dass ihre vorab verhandelten Grenzen verletzt oder ihr Safeword übergangen wurde. Aufgeschlüsselt: 24,5 % nannten verletzte Grenzen, 13,1 % ein ignoriertes Safeword, und 8,5 % beides.
Nach Geschlecht unterscheidet sich die Verteilung deutlich, und für einen schwulen Blog ist das die wichtige Zeile: 31 % der Frauen berichteten von einer Grenzverletzung, gegenüber 13 % der Männer. Rund 36 % aller Befragten gaben an, bei einer BDSM-Veranstaltung ohne Erlaubnis angefasst worden zu sein.
Nach Rolle erlebten Tops laut der Erhebung vier- bis zehnmal seltener eine Grenzverletzung, am deutlichsten dort, wo sie als Teil der Dynamik verstanden wurde. Diese Aufschlüsselung bezieht sich auf die Begründungen, nicht auf die Gesamtrate.
Drei Einschränkungen gehören zu diesen Zahlen. Es war eine Online-Befragung über Szene-Kanäle, also Selbstauswahl ohne Zufallsstichprobe. Knapp 90 % der Teilnehmern lebten in den USA, fast 89 % bezeichneten sich als weiß, und die Mehrheit war weiblich. Für schwule Männer ist die Übertragbarkeit damit nicht belegt.
Was nach der Session passiert
Die Forschungslage ist hier dünner, als die Szene annimmt. Für Dom Drop, also den Einbruch auf der dominanten Seite, gibt es keine physiologische Messung. Eine theoretische Arbeit von 2016 stellt ausdrücklich fest, dass es keine Forschung gibt, die diese Vorstellungen zum physiologischen Profil prüft. Die einzige Hormonstudie im Feld stammt von 2009 und hatte 58 Teilnehmer. Sie ist kein Gegenbeleg, denn sie misst etwas anderes. Während der Szenen stieg das Cortisol bei denen, die gefesselt waren, Reize empfingen und Anweisungen folgten. Bei denen, die Reize, Anweisungen oder Struktur gaben, blieb der Anstieg aus. Danach zeigten Teilnehmer, deren Szene gut gelaufen war, weniger Stresshormone und mehr Nähe. Bei schlecht gelaufenen Szenen ging die Nähe teils zurück und teils hoch.
Praktisch bleibt es also bei Erfahrungswissen, und das ist ein legitimer Grund, Aftercare gegen Dom Drop auch für die eigene Seite einzuplanen. Es ist kein Grund, ein gemessenes Phänomen zu behaupten.
Zwei weitere Punkte, die die alte Fassung offen ließ. Eine veränderte Bewusstseinslage schränkt die Fähigkeit zur wirksamen Einwilligung ein, und eine Einwilligung von jemandem, der beeinträchtigt ist, ist nach der NCSF überhaupt keine Einwilligung. Das betrifft Alkohol und Substanzen ebenso wie einen tiefen Subspace, also den veränderten Bewusstseinszustand nach intensiven Reizen. Die Person kann hinterher angeben, sie habe widerrufen wollen und es nicht gekonnt. Die Warnsignale von der anderen Seite findest du bei den Red Flags bei Subs.
Protokoll und Alltag: wie viel Rolle, wann
Die alte Fassung führte hier vier Stufen auf: gelegentlich mit niedrigem Protokoll, durchgehend mit niedrigem, hoch zu Hause und niedriger außerhalb, sowie durchgehend hoch. Diese Einteilung ist in keiner der geprüften Quellen belegt. Im BDSM-Glossar der englischen Wikipedia kommen die Begriffe „protocol“, „high protocol“ und „low protocol“ nicht einmal vor.
Belegt ist etwas Schmaleres, und selbst da widersprechen sich die Quellen.
Für hohes Protokoll stimmen sie überein: Es gilt für begrenzte Zeiträume. Das BDSM Wiki beschreibt es als normalerweise für kurze Zeiträume oder während längerer Bestrafungen genutzt, mit unbedingtem und unmittelbarem Gehorsam ohne Verzögerung, Zögern oder Rückfrage. Ein Leitfaden aus der Leather-Szene nennt dafür förmliche Anlässe: Zeremonien, Clubabende, den Spielraum, Dienstzeiten.
Bei niedrigem Protokoll gehen die Auffassungen auseinander, und zwar um die Frage, ob überhaupt etwas gilt. Ein Szeneleitfaden nennt es die beiläufigste Form, die für manche gar kein Protokoll bedeute. Derselbe Leather-Leitfaden widerspricht dem: Niedriges Protokoll sei die am häufigsten genutzte Form, setze die Regeln des Haushalts und gelte durchgehend, solange der Master nichts anderes anweist. Niedriges Protokoll bedeute nicht Pause, sondern Leben. Das BDSM Wiki liegt dazwischen: Es verortet niedriges Protokoll in Vanilla- und informellen Situationen, beschreibt es aber gleichzeitig als fortlaufende Erinnerung an den Dienst und dessen Pflichten, mit erlaubtem beiläufigen Verhalten innerhalb festgelegter Grenzen.
Alle drei Darstellungen sind Selbstauskünfte aus der Szene und keine geprüften Befunde. Suchst du eine Einteilung, an der du dich orientieren kannst, findest du keine verbindliche. Was bleibt, ist die Frage selbst, und die ist die richtige: Wie präsent soll die Rollenverteilung im Alltag sein, und wo gibt es Räume, in denen sie ausgesetzt ist? Diese Frage vorab zu klären, ist mehr wert als jede Stufenzuordnung.
Wechselst du zwischen den Rollen, bist du damit kein halber Master. Der Switch ist eine eigene Rolle mit eigenem Beitrag, und die Bandbreite dominanter Spielarten reicht von streng bis sanft, wie der Soft Dom und die Dom-Typen zeigen.
Zur Anrede noch ein Wort, weil sie in Verträgen regelmäßig auftaucht. Die Konvention, Bezeichnungen der dominanten Seite groß und die der devoten klein zu schreiben, ist als Szenepraxis mehrfach belegt. Verbindlich ist sie nicht, sie ist innerhalb der Szene umstritten, und zu ihrer Herkunft gibt es zwei konkurrierende Erklärungen, von denen keine belegt ist. Wer sie nutzt, tut das als Vereinbarung, nicht als Rechtschreibregel.
Woher diese Begriffe kommen, ist ebenfalls weniger festgelegt, als es klingt. Die schwule Leather-Kultur bildete sich in den 1940er und 1950er Jahren heraus, vor allem aus zwei Gruppen: Motorradfahrern in Los Angeles nach dem Zweiten Weltkrieg und BDSM-Praktikern in New York. Guy Baldwin, der 1989 sowohl den Titel Mr National Leather Association als auch International Mr Leather hielt, nennt die Bezeichnung „Old Guard“ selbst einen Fehlgriff für die frühesten Gewohnheiten dieser Szene. Wikipedia hält fest, dass umstritten ist, welche Traditionen die ursprünglichen sind und ob die romantisierten Fassungen der Leather-Geschichte überhaupt existierten. Wer sich hier auf Tradition beruft, beruft sich auf etwas Umstrittenes.
FAQ
Wofür steht das kleine s in M/s?
Für slave. Keine der geprüften Quellen kennt eine andere Auflösung. Der internationale Titelwettbewerb, 1990 gegründet und nach Angabe seines aktuellen Veranstalters der viertälteste unter den internationalen Leather-Titeln, trägt den Namen „International Master/slave“. Wer stattdessen „Serf“ oder „Servant“ einsetzt, findet dafür keinen Nachweis. Eine Verwechslung liegt allerdings nahe, denn Larry Townsend nutzte S und M in seinem „Leatherman’s Handbook“ von 1972 für Sadist und Masochist, gerade nicht für Slave und Master.
Ist ein Sklavenvertrag rechtlich bindend?
Nein. Nach Auskunft der NCSF setzt kein Gericht ein solches Papier durch, und keines erkennt es an. Unabhängig davon, was vereinbart wurde, kann die Einwilligung jederzeit zurückgezogen werden. Ein Vertrag, der dieses Recht ausschließt, wird für den Top im Ernstfall zum Problem, nicht zum Schutz.
Was unterscheidet einen Master von einem Dom?
Darauf gibt es keine gesicherte Antwort, und das ist selbst der Befund. Die englische Wikipedia nennt für M/s Dienst und Gehorsam als Kernwerte und für D/s häufig Liebe, ordnet M/s im eigenen Glossar dann aber als Unterfall von D/s ein. Die NCSF führt beide als eigenständige Formen. Eine systematische Abgrenzung aus der Fachliteratur fehlt. Verlässlich ist allein die Richtung: Jeder slave gilt als Sub, umgekehrt gilt das nicht.
Ist Serf ein echter BDSM-Begriff?
Nein. Zwölf geprüfte Szene-Glossare führen ihn nicht, darunter Wikipedia, das BDSM Wiki und das Datenschlag-Lexikon. Die einzige Fundstelle ist eine deutsche BDSM-Plattform, und dort steht er als persönlicher Vorschlag der Autorin neben „Menial“, mit dem Hinweis auf mittelalterliche Geschichtstexte. Die Aussage über eine Herkunft aus den USA bezog sich in derselben Quelle auf „Servant“, nicht auf „Serf“. In den tatsächlichen Alternativvorschlägen aus der englischsprachigen Szene kommt der Begriff nicht vor. Sprachgeschichtlich führt der Umweg ohnehin zurück: „Serf“ stammt vom lateinischen „servus“, und das bedeutet Sklave oder Diener.
Wie viele Menschen leben eine Master-Slave-Beziehung?
Das ist nicht erhoben. Für BDSM insgesamt liegt eine repräsentative Zahl vor: Eine australische Telefonbefragung mit 19.307 Teilnehmern ergab 1,8 % der sexuell aktiven Menschen im Vorjahr, bei Männern 2,2 %, und häufiger bei schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen. Für M/s speziell gibt es nur Anteile innerhalb von Szene-Stichproben mit Selbstauswahl, etwa 1,6 % Master und 5,0 % slave in einer Befragung von 810 Personen. Eine Untersuchung zu durchgehend gelebten BDSM-Beziehungen stellt ausdrücklich fest, dass deren Häufigkeit unbekannt ist.
